Canon 85mm 1.2L II vs. Sigma 85mm 1.4

Mit dem EF 85mm f/1.2L II USM zeigt Canon, was ein Glaskanal kann. Die Linse wurde speziell für Portraitzwecke entwickelt, ist bereits offen sehr scharf und produziert ein Bokeh wie gemalt. Dadurch, dass hier etwa ein Kilo Glas bewegt werden muss, ist der Autofokus eher als gemächlich zu bezeichnen und kein Vergleich zu rasanten Linsen wie den verschiedenen 70-200mm-Modellen. Damit kann man aber leben, wenn man sich darauf einstellt. Viel dramatischer ist hier eigentlich das Loch, dass die Anschaffung in den Geldbeutel reißt – etwa 1900€ werden neu für die Linse fällig. Durch die einzigartige Lichtstärke existiert kein direkter Konkurrent, aber dem am Nächsten kommt das Sigma 85mm f/1.4 EX DG HSM, welches mit rund 800€ weniger als die Hälfte kostet. Wo liegen nun die praktischen Unterschiede?

   

Im direkten Vergleich fällt zunächst einmal auf, dass das Canon durch seine halbe Blende mehr etwas dicker, ja beinahe gedrungener wirkt, auch von vorn betrachtet, obwohl die Filtergröße mit 72mm gegenüber den 77mm beim Sigma geringer ausfällt. Mit aufgesetzter Geli ist das Sigma etwas länger, mir persönlich gefällt die Tulpenform allerdings besser, aber das ist Geschmackssache. Das Sigma ist zudem mit etwa 750g ungefähr 250g leichter als das Canon und macht die Kamera weniger frontlastig. Verarbeitung und Haptik gefallen mir bei beiden sehr gut. Von der technischen Seite her fällt sofort auf, dass das Sigma spürbar schneller fokussiert, zudem fährt auch nicht der Tubus aus wie beim Canon.

Ich habe am Stativ einige Vergleichsaufnahmen durchgeführt, besonders im Hinblick auf Schärfe mittig und in der Ecke sowie Bokeh. Als erstes sehen wir drei Ausschnitte aus der Bildmitte, die ersten beiden gehören zum Canon bei 1.2 und 1.4, der dritte zeigt das Sigma bei 1.4.

   

Chromatische Aberrationen sind ein Pferdefuß am offenen Canon, aber mit einer ordentlichen Software zur Entwicklung kein Problem. Im Zentrum fällt auf, dass das Sigma in dem Punkt ein wenig stärker ist, von der Schärfe nehmen sich beide nichts. Kommen wir zu den Ecken. Auch hier gibt es wieder drei Bilder, dieses Mal sind es zwei verschiedene Motive. Der Fokus wurde auf den linken Blumentopf und auf die Schraube gesetzt. Die Reihenfolge lautet wieder Canon 1.2, Canon 1.4, Sigma 1.4.

   

   

Hier sehe ich von Schärfe und Aberrationen her absolut keinen Unterschied mehr. Als letztes habe ich noch die Qualität des Bokehs an vollen Aufnahmen verglichen. Wir sehen einmal ein Vogelhaus, wieder mit dem Canon bei 1.2 und 1.4 mit einer anschließenden Aufnahme vom Sigma bei 1.4 und dann noch ein Detail vom Vogelhaus in der gleichen Reihenfolge.

   

   

Hier kann man sehr gut sehen, warum beim Canon vom „magischen“ Bokeh zugesprochen wird – es ist einfach ein klein wenig weicher und gefälliger als beim Sigma, aber letzteres muss sich keinesfalls verstecken. Es fällt zudem bei beiden Aufnahmen auf, dass die Bilder mit dem Sigma bei gleichen Kameraeinstellungen ein wenig dunkler und kontrastreicher werden.

Damit ist mein kleiner Vergleichstest am Ende angelangt und ich kann folgenden Schlüsse ziehen:

Pro Canon EF 85mm f/1.2L II USM:
– Einzigartige Lichtstärke, eine halbe Blende offener als das Sigma
– malerische Bokehwirkung
– Bauqualität und Haptik auf höchstem Niveau
– der rote Ring

Contra Canon EF 85mm f/1.2L II USM:
– Preis (mehr als doppelt so teuer)
– Gewicht (ein Viertel schwerer)
– langsamer Autofokus

Pro Sigma 85mm f/1.4 EX DG HSM:
– Preis (weniger als die Hälfte)
– Gewicht (ein Viertel leichter)
– schnellerer Autofokus
– beinahe identische Abbildungsleistung

Contra Sigma 85mm f/1.4 EX DG HSM:
– nicht aus Metall
– Kompatibilität für kommende EOS-Modelle nicht garantiert
– es ist nicht das L

Ich werde persönlich beim Sigma bleiben, da mir der Unterschied viel zu gering ist, um den Aufpreis zu rechtfertigen.

Die Tests wurden an meiner Canon EOS 5D Mark III durchgeführt.